HIGHER SELF, LIFE
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Was es heißt achtsamer im Alltag zu sein, lesen wir beim Schmökern in jedem Buchladen, an jedem Zeitschriftenkiosk oder Online-Magazin. Zahlreiche Blogs und Instagramaccounts widmen sich diesem Thema, teilweise sogar ausschließlich (@cactiandpeonies natürlich eingeschlossen). Achtsamkeit ist ein Thema, welches uns irgendwie alle beschäftigt. Manche halten relativ wenig davon, andere wiederum richten ihr ganzes Leben danach. Den einen richtigen Weg gibt es auch hier nicht. Doch eines ist klar: Die Tendenz zu einem bewussten und achtsamen Leben ist nicht mehr bloß ein Trend oder der neueste Hipster-Shit, der bald wieder geht. Achtsamkeit in den Alltag integrieren ist zu einer Bewegung geworden, um genauer zu sein zu einem Lebensstil und lässt uns gerade jetzt, während der Pandemiezeit, einmal mehr darüber nachdenken, wie wir eigentlich leben möchten.

Lange Zeit habe ich eine ganz bestimmte Sucht ausgelebt, den „Stoff“ ins Unermessliche konsumiert und nie hinterfragt, was ich da eigentlich tue, beziehungsweise in meinem Fall nicht tue. Die Rede ist vom exzessiven Lesen über Achtsamkeit, über Sinnfindung und dem eigenen Higher Self. Zahlreiche Bücher und Zeitschriften wanderten über die Kassentheke. Sie gaben mir das Gefühl, dass ich mich im Griff hatte, dass Alles wieder gut werden würde und ich inneren Frieden finde. Ich saugte einen Ratgeberartikel nach dem anderen auf, hörte einen Podcast zu Ende, fing direkt den nächsten an und freute mich bei einem Tee in meinem Sessel über Vorhaben wie Waldbaden, Pilzesammeln, in die Wolken starren und Figuren erraten und malte dabei Mandalas aus. Tag für Tag, Artikel für Artikel, Seite für Seite, Episode für Episode – ich kannte sie alle. Egal, ob Flow, Emotion, Happinez, die neueste Zeitschrift von Laura Malina Seiler oder die Podcasts happy, holy & confident und the mindful sessions. Sie alle führen dich in die Welt der Achtsamkeit, der inneren Ruhe und Zufriedenheit ein, geben dir Tipps, wie es sich bewusster leben lässt, wie man einen Zustand der Erleuchtung erreicht und sich mit seinem Schattenkind (Begriff aus dem sehr lesenswerten Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl) versöhnt. All diese Formate sind toll und ich würde sie auch heute nicht missen wollen, zudem sind sie vom Layout her so ästhetisch wunderbar, dass man sie gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sie haben mich für den Moment glücklich gemacht. „Feeling Zen“ war bei mir voll angekommen. Sobald ich aber die Bücher, die Zeitschriften oder die Podcasts beendete, wurde ich mit dem wahren Leben, den wahren Gefühlen, dem ganz normalen Alltag konfrontiert. In diesem Moment verschwand die Achtsamkeitsglocke und es wurde mir erst immer dann bewusst, wenn ich unzufrieden war, wenn etwas nicht klappte und ich mich wie ein trotziges Kind ärgerte. Immer erst dann wurde mir bewusst, dass ich das Gelesene über Achtsamkeit, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit gar nicht umsetze oder anwende. In den harmonischen und glücklichen Momenten fällt einem sowas nämlich nicht auf – in diesen Momenten hinterfragt man nicht, warum man grade glücklich ist. Wir hinterfragen erst, wenn wir vermeintlich das große Unglück empfinden.

Und das – by the way – kann in einer konsumorientierten „Immer-Mehr-Welt“, in der wir uns mit Produkten im Achteltakt beglücken, relativ schnell auftreten. Das große Unglück erscheint nämlich dann, wenn das erste Hoch über die Freude des Neuen (ganz gleich, was es ist) abflacht. Sei es das neue Auto, was ansteht oder gekauft wurde, Möbel, Geschirr, Technik, Papeterie, Bücher und Co. All das befriedigt uns und schüttet Dopamin, das berühmte Glückshormon aus, welches uns regelrecht süchtig nach Belohnung macht. Setzt diese Hormonausschüttung mal aus, weil wir mal nicht von den Werbungstriggern dieser (Insta-)Welt eingefangen wurden, wird es interessant.

Schafft man es den oben beschriebenen Prozess zu reflektieren, ihn zu hinterfragen, fühlt man sich erstmal elendig, weil man erkannt hat, dass man sich zu sehr beeinflussen und lenken lässt. Auch, wenn die Werbesender nur das Beste für dich wollen, ja nur ein Angebot machen wollen und man ja immer noch selbst entscheiden könne, was man kauft oder nicht – es ist schlichtweg Werbung und das muss einem IMMER bewusst sein. Ziel ist es, ein Produkt zu vertreiben und dabei gehen die Spinnfäden der Marionettenkunst immer weiter und weiter in die Sigmund-Freudische Psychologie ein, sodass eine Ablehnung eines Angebots, gut umgesetzt und extra für DICH aufbereitet, gar nicht mehr möglich ist oder nur schwer möglich ist. Erst war es Youtube, jetzt ist es Instagram. Das Format verbindet noch viel mehr das Persönliche, Intime mit dem unbewussten „Haben Wollen“. Auch, wenn ich Instagram liebe, weil es bunt, witzig und abwechslungsreich ist und durch das Netzwerken auch viel Gutes entsteht, betrachtet man es aber ohne die rosarote Brille, einfach mal ganz sachlich und objektiv, dann ist Instagram der Inbegriff der Selbstdarstellung, das Erhaschen von Aufmerksamkeit, das, was wir irgendwie alle brauchen, weil wir gesehen werden wollen. Und das meine ich nicht im geringsten bösartig, wir Menschen sind einfach so gestrickt. Welcher Mensch möchte schon in Vergessenheit geraten? Es ist der Drang, nicht ganz sinnfrei zu leben, sondern etwas zu erschaffen. Sei es eine Plattform für das eigene Unternehmen oder die Plattform für sich als Person. Mit jedem Account, der neu erstellt wird, wächst das Imperium der Individualität. Denn das brauchen wir Menschen. Wir möchten zum einen individuell und einzigartig sein, streben nach Distinktion, wollen uns abheben, besonders sein und zum anderen ist da dieses große Gefühl, dass wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen möchten – immerhin sind wir Herdentiere. Ich selbst folge auf Instagram fast nur noch nachhaltigen und achtsamen Accounts. Doch auch dort, folgt eine Werbeanzeige der nächsten. Denn so funktioniert das Spiel nun einmal. Es gibt zwei Optionen: Nutzt du Insta für private Zwecke oder möchtest du damit bewusst Geld verdienen. Beides ist okay. Ist es Zweiteres, dann ist ein Ziel von vielen, dich selbst und die Produkte, die du gern hast, zu vermarkten. Schaffst du es also durch deine Einzigartigkeit oder deiner eigenen Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Hipster, Neo-Ökos, LOHAS usw.), eine Gruppenzugehörigkeit bei anderen auszulösen, dann steigt man selbst zum Status „König/Königin“ auf. Deine Follower sind dann dein Gefolge. Alles, was du gerne machst und liebst, lieben sie auch. So ist das ja auch schon im eigenen sozialen Umfeld. Sei es in der Familie, unter Freunden oder im Bekanntenkreis. Wie oft sieht man eine Straße im Wohnbaugebiet, wo dieselbe Farbe der Hausfassade oder die der Fensterläden zwei Häuser weiter wieder auftritt. Das ist Mode, das ist Trendsetting.

An diesem Punkt setzt nun das eigentliche Prinzip der Achtsamkeitslehre an. Achtsamer und bewusster zu leben heißt, dass man etwas aus Überzeugung tut, es ganz bewusst macht und nicht vom Fluss der Wildlachse getrieben ist, sondern entgegen schwimmt, man kurz auf Pause und wieder auf Play drückt. Sich selbst zuhören, das kurze Innehalten „Was mache ich hier eigentlich?“. Nicht ohne Grund gibt es seit Jahrtausenden die Meditation und nicht ohne Grund gibt es in buddhistischen Häusern den Brauch, dass jede Stunde einmal der Gong geht, man alles stehen und liegen lässt, quasi ein FREEZE-Modus eintritt und man für eine Minute mal nichts macht – sozusagen ein Quickie der Meditation. Das weite Feld der Achtsamkeit umzäunt auch die innere Zufriedenheit. Mit sich selbst zufrieden sein, sich selbst genügen, einen Selbstwert haben, ganz ohne HABEN oder BRAUCHEN, ganz nach dem Motto: YOU ARE ENOUGH.

Ist man wirklich wirklich ehrlich zu sich, wacht man auf und weiß, dass man all das Konsumierte gar nicht braucht, um zufrieden zu sein. Wir sind alle tutti completti auf diese Welt gekommen, wir können „eigentlich“ (die Systemtheorie nun mal ausgeklammert) machen, was wir wollen und dabei glücklich sein, wann wir wollen. Natürlich gibt es auch im Lifestyle des Minimalismus Dinge, die wir zum Leben brauchen und Dinge, die wir gerne, um uns herum haben möchten. Das ist auch gut so, sonst würden wir ja auf einer Wiese oder in einem leeren Raum sitzen. Dass man nicht immer gut gelaunt sein kann und immer seinen inneren Frieden gefunden hat, ist uns sicherlich auch allen bewusst. Es gibt nun mal viele Gefühle und alle haben ihren Sinn und Berechtigung, schließlich sind wir noch nicht so weit wie Scarlett Johansson in der SciFi-Verfilmung Lucy, die bei 100% ihrer Gehirnaktivität keine Gefühle mehr braucht.

Warum sind wir im Urlaub in weit entfernten Ländern oder einfach nur entfernteren Gebieten von unserem zu Hause weg (Anpassung wegen Corona-Pandemie), glücklich? Sind wir da glücklich, weil wir tausend Kleider anhaben, der Brilli am Finger steckt oder die teure Sonnebrille von Céline oder Tom Ford auf der Nase sitzt? Oder sind wir im Urlaub vielleicht ganz besonders glücklich, weil wir die ganze Konsumwelt, den ganzen Stress rund um Alltag und Arbeit loslassen können und das Wesentliche wieder fokussieren können? Plötzlich merken wir, dass wir den vollgepackten Koffer gar nicht brauchen und lediglich das eine Lieblingskleid drei Wochen am Strand tragen, weil wir uns wohlfühlen. Meistens ist es dann auch egal, dass es nach einer Woche nicht mehr ganz so frisch duftet…“Wir sind ja eh nur unter uns, wir sind ja eh nur am Strand und im Wasser“, sagen wir uns. Genau das, ist Achtsamkeit, BewusstSEIN, im Hier und Jetzt sein, auf Außenwirkung scheißen und einfach man selbst sein. ICH sein. Das ist Minimalismus: Nicht viel brauchen, sondern mit dem, was man hat, zufrieden sein. Noch besser: nicht haben, sondern sein. Aber das ist wohl die hohe Kunst des Buddhismus und da muss ich gar nicht hin. Es reicht, wenn ich es mir immer wieder bewusst mache, in den Momenten, wo das Fass am Überlaufen ist, wo alles laut und unruhig in mir und um mich herum ist. Es reicht, wenn ich mir die Frage stelle: Ist es in mir so laut und unruhig oder ist es die Welt dort draußen? Dann weiß ich, dass es Zeit wird zu meditieren, Yoga zu machen, eine Runde zu laufen, ein Buch zu lesen oder einfach nur laut Musik zu hören, um mal nicht meine Gedanken zu hören. Denn, ob ihr es glaubt oder nicht: Wir müssen unseren Gedanken nicht HerrIn werden, wir müssen unseren Gedanken nicht immer alles abkaufen. Meist sind es festgeklopfte Glaubenssätze, die wir im Laufe des Lebens aufgrund von Erfahrungen (gute oder schlechte) entwickelt haben (dazu mehr in einem anderen Blogbeitrag).

Mein Ziel ist es eine zen-artige Mitte zu finden. Zeitschriften über „Do’s und Don’ts“ der Achtsamkeit lesen und umsetzen, kaufen, aber ganz bewusst, mehr ins „das habe ich bereits“ als ins „krass, genau das brauche ich noch unbedingt“, mehr ins „hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“ als „ich fühle mich nicht vollständig und deswegen kaufe ich“, denn mehr ist es leider nicht. Wir kaufen, weil wir glauben, dass uns was fehlt. Ich kann euch sagen, so ist es nicht. Es sei denn ihr braucht Druckerpapier für die nächste Steuer.

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