Gedankensprünge, LIFE
Kommentare 2

Montage: Manchmal reicht mir „9-to-5“ einfach nicht

Es ist wieder Montag. Der analoge Wecker klingelt um halb sechs in der Früh. Im Halbschlaf drücke ich das Schlummerknöpfchen. Nochmal kurz innehalten und ins Kissen versinken. Das Ganze ziehe ich mindestens drei Mal durch. Je nach Müdigkeitsgrad kann dieser Prozess bis zu einer Stunde andauern. Doch heute nicht. Heute ist Duschen dran. Ich stelle den Wecker auf „aus“ und stehe auf. Im Dunkeln ertaste ich mein Handy, welches auf der Fensterbank im Flugmodus liegt, dann den Lichtschalter für den Flur. Klick – der Tag kann beginnen. Ich torkele die alte Holztreppe herunter, es folgt kalter Fliesenboden. Spätestens jetzt, bin ich wach. Klick – zweiter Lichtschalter. Diesmal in der Küche. Ich zapfe mir meinen ersten Kaffee am Kaffeeautomaten. Während die Bohnen mahlen, trinke ich einen großen Schluck kaltes klares Wasser aus dem Hahn. Das tut gut. Halbnackt, mit meinem Dutt auf Halbmast und einer vollen Kaffeetasse, laufe ich ins Bad.

Klick- dritter Lichtschalter. Ich nippe an meiner Tasse, gucke in den Spiegel und beurteile, ob ich ausgeschlafen bin oder die Nacht zu kurz war (#Augenringe). Meistens war sie gefühlt zu kurz. Meistens fühle ich mich montags so gar nicht erholt. In der Dusche prasselt das Wasser auf mich. Klick- das Gedankenspiel beginnt. Mir schießen die ersten „to do’s“ für die Arbeit in den Kopf. Meistens Dinge, die ich in der letzten Woche nicht mehr geschafft habe. Dicht gefolgt von privaten Remindern, was die Woche so ansteht und erledigt werden muss. Ich dusche maximal fünf Minuten. Ganz bewusst, um mit Wasser sparsam umzugehen. Nicht aus Kostengründen, sondern für die Umwelt. Die meiste Zeit nimmt mein Wuschelkopf ein. Ich möchte ihn zähmen, wie ein wildes Tier. Doch die Locken machen nach 32 Jahren immer noch das, was sie wollen. Insgesamt brauche ich morgens im Bad eine Stunde. Ich bin morgens gemütlich. Doch das war nicht immer so.

EXKURS

// Ich bin acht Jahre lang mit dem Zug vom Raum Marburg ins Rhein Main-Gebiet gependelt. Die längste Strecke war in den Taunus. Eine tägliche Mindestfahrtzeit von vier Stunden war die Regel. Damit verbunden der morgendliche Stress, den Zug rechtzeitig zu erreichen, den Umstieg gewuppt zu bekommen und so weiter. Zum Glück ist das vorbei. Die Zeit der Ausbildung und der Versuch im Modejournalismus und in der Mode-PR Fuß zu fassen ist nun endlich vorbei. Auch der Gedanke unbedingt Karriere machen zu müssen ist weg. Warum? Weil ich mich damit aufgegeben hätte. Ich liebe den Journalismus und ich liebe die Mode, aber der Preis war mir zu hoch. Der Einsatz war wie beim Poker „all in“: Keine Emotionen zulassen, Fashion-Miene aufsetzen, cool aussehen, bis in die Nacht auf Shop-Eröffnungen oder Vernissagen netzwerken, alleine sein, mindestens 60 Stunden in der Woche arbeiten. Wofür? Für einen Hungerlohn, den täglichen Schreibdruck, für Kreativität vom Fließband, für Menschen, mit denen ich nie warm wurde. Zwei Mal Berlin Fashion Week im Praktikum bei einer tollen Modedesignerin, die heute leider nur noch Goodies für Mops-Hunde näht, weil die Modeindustrie zu hart ist, drei Monate Praktikum bei einer Modezeitschrift mit unsympatischen und egoistischen Redakteuren und einer noch arroganteren Chefredakteurin sowie ein längeres PR-Praktikum bei einem Drachen von PR-Frau, bei der ich gelernt habe, dass nicht alles Gold ist, was funkelt (damit meine ich ihren goldenen Schmuck-Behang und ihre egozentrische Attitüde). Ich habe sehr früh gemerkt, dass es nicht meine Welt ist. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Pech mit meiner Auswahl…//

Klick- ich schließe das Auto auf und steige „ready for work“ ins Auto ein. 30 Minuten brauche ich an die Arbeit. Meistens höre ich morgens Podcasts rund um die Themen persönliche Weiterentwicklung, wissenschaftliche Erkenntnisse, politische Talks, aber auch mal Krimiaufklärung oder den Gedankensalat von Böhmermann & Schulz. Eine Podcastfolge später, fahre ich auf den Parkplatz meiner Arbeitsstätte. Klick- ich schalte Radio und Motor aus. Der Arbeitstag beginnt mit einem lauten und fröhlichen GUTEN MORGEN und einem zweiten guten Filterkaffee. Seit vier Jahren arbeite ich in einer Behörde und habe damit einen klassischen Bürojob. [Ganz so klassisch ist er wegen des Fachbereiches nicht, aber dazu berichte ich vielleicht mal in einem anderen Blogbeitrag.] Witzig, wo es einen hin verschlägt. Reiner Zufall. Das Ergreifen einer Gelegenheit nach zahlreichen Absagen für ein Volontariat und die Chance auf einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Planen konnte ich das nicht und Ziel war es auch nie. Ich habe Gleitzeit, d.h. ich kann mir den Beginn und das Ende meiner täglichen Arbeitszeit relativ flexibel gestalten. Das liebe ich als Freigeist sehr. Seit zwei Jahren leite ich einen Fachbereich und bin Vorgesetzte für ca. 16 MitarbeiterInnen. Auch das hatte ich nie geplant. Es kam einfach so. Insgeheim habe ich immer gespürt, dass ich schneller als mein soziales Umfeld die Initiative ergreife, dass ich eine Meinung habe, mich nicht scheue sie frei heraus zu äußern und sie auch verteidige, wenn es sein muss, dass ich empathisch und eine gute Zuhörerin bin und spüre wie die Stimmungslage ist. Ich war schon immer gut, wenn es um Koordination und Organisation ging und ich habe früh gemerkt, dass Menschen auf meine Meinung Wert legen. Ich leite ein tolles dynamisches Team, welches mir den Rücken freihält und an mich glaubt.

Es gibt die Tage, wo alles im Flow ist. An diesen Tagen bin ich in meiner Mitte, bin zufrieden und glücklich, denke nicht viel über mein eigenes Sein nach und hinterfrage auch nicht, warum ich arbeite. Dann gibt es diese Tage, da habe ich schwierige Entscheidungen zu fällen. Entscheidungen, die aus dem alltäglichen Muster herausfallen. Manchmal fällt es mir leichter sie zu treffen, manchmal schwerer. Besonders diese Tage lassen mir keine Zeit darüber nachzudenken, warum ich hier bin und was ich da eigentlich mache. Im Großen und Ganzen überwiegen die Tage, an denen ich nicht ins Grübeln über mich selbst komme. In den letzten vier Jahren war kein Tag wie der andere. Das liebe ich an meinem Job. So bleibt es spannend und abwechslungsreich. Doch auch der spannendste Job wird irgendwann einmal Routine. Prozesse sind eingespielt, Vorgänge laufen, Fristen werden gehalten. Es läuft einfach. Manchmal stört mich das, weil ich weiß, dass es ohne mich auch läuft. Ich muss den Laden dann gar nicht mit meiner Energie und Liebe am Leben halten. Ich muss an diesen Tagen einfach nur verwalten. Einfach nur da sein und manchmal Weichen stellen, wie eine Bahnhofsangestellte im Haltestellen-Häuschen. Arbeitstage, die Grau sind, keinerlei Farbe haben, keine Challenges für mich bereithalten und so dahin plätschern, sind für mich die tragischsten Tage. Sie bringen mich zum Nachdenken, was prinzipiell nicht schlecht ist, aber es ist ein anderes Nachdenken. Es ist das verflixte Grübeln. Es ist das verkopfte Hinterfragen, das Hin- und Herwiegeln von Gedanken, der Topf ohne Boden, die Fragen ohne Antworten. Wenn man nicht aufpasst und sich zu sehr hineinsteigert, dann kommt man aus diesem schwarzen Loch der Gehirnwindungen nicht mehr heraus. Dann heißt es am liebsten nur noch, alle Termine absagen, zu Hause bleiben und die Decke über den Kopf ziehen. Manchmal hat man solche Tage. Manchmal habe ich solche Tage.

Immer, wenn diese Tage kommen, frage ich mich, ob das Modell „9-to-5“, das richtige Modell für mich ist. Ich komme um acht Uhr morgens an die Arbeit, mache in der Regel eine halbe Stunde Pause mit meinen Kollegen, arbeite dann bis circa 17 Uhr durch und fahre wieder nach Hause. Oftmals denke ich mir an diesen trüben Tagen: „Jetzt ist endlich Feierabend, jetzt erst fängt der Tag für mich an. Jetzt habe ich endlich Zeit für mich. Zeit für Kreativität, Zeit für die Liebe, Zeit für meine Hühner, Zeit für…“ An solchen Tagen bin ich kritischer, bin ich verletzlicher, bin ich trauriger. Ich sehe diese 40-Stunden-Woche vor mir und weiß, dass fünf Tage dieser frisch begonnenen Woche, nicht mir gelten, sondern eben der Behörde. Ich denke darüber nach, dass 40 Stunden ganz schön viel sind. Ich denke darüber nach, wie ich sie außerhalb des Jobs investieren könnte. Ich denke darüber nach, dass das Verhältnis der freien Tage am Wochenende und der Arbeitstage unter der Woche unverhältnismäßig sind und mir die zwei freien Tage einfach nicht reichen. Zwei Tage reichen mir nicht, um einzukaufen, aufzuräumen, nach den Hühnern zu schauen, den Stall zu säubern, den Garten für die Saison vorzubereiten, Freunde zu treffen, Familie zu sehen, Zeit mit meinem Boy zu verbringen. Besonders im Winter sind die Tage so kurz, dass man morgens im Dunkeln zur Arbeit fährt und abends im Dunkeln Feierabend macht. Zwei freie Tage am Wochenende reichen mir besonders dann nicht, wenn ich diesen Gedankensalat in mir herumtrage, der manchmal so schwer ist, dass ich während des Laufens spüre, wie er an die Schädeldecke schwappt. Salat ist zwar lecker, aber nicht im Kopf.

Diese Gedanken müssen mich nicht bestimmen. Das alles ist MINDSET. Wer sagt mir, dass ich nicht auch an der Arbeit herumblödeln kann, mal eine halbe Stunde länger Pause mache und draußen spazieren gehe. Wer sagt mir, dass lautes Lachen an der Arbeit verboten ist oder ich am Bürotisch kleben bleiben muss. Wer? Im Prinzip Niemand. Es wird Zeit sich vom sozialisierten Ich im Orbit einer leistungsorientierten Gesellschaft zu lösen und seinen Selbstwert nicht mehr über das „machen und haben“ zu definieren. Ich bin nicht erst ich, wenn ich einen gewissen Betrag auf dem Konto habe, ich bin nicht erst ich, wenn ich dies oder das im Leben erreicht habe. Wir alle sind bereits mit der Geburt vollkommen und vor allem ausreichend. Schluss mit dem „immer mehr, immer weiter, immer höher, immer geiler“. Wenn wir jeden Tag als den unsrigen ansehen würden, den wir auch an der Arbeit weitestgehend frei gestalten können und auch noch nach der Arbeit Dinge tun, die wir lieben, dann ist alles halb so wild. Mein Chef sagte einmal zu mir: „Wissen Sie, wenn Sie wirklich gerne tun, was sie tun, dann kommt es Ihnen auch nicht mehr wie Arbeit vor. Dann sind Sie frei von diesen dunklen Gedanken und jeder Tag ist ein guter Tag.“ Und er hat Recht. Arbeiten müssen wir in diesem System alle. Daran ist nicht zu rütteln. Es sei denn man hat im Lotto gewonnen oder eine dicke Erbschaft erhalten. Also, liegt es an uns, mit den richtigen Gedanken, das Beste aus dem Tag herauszuholen.

Wie das genau funktioniert? Ungefähr so: Während ich hier sitze und den Beitrag schreibe, schaue ich aus dem Fenster und sehe die Wolken am Himmel schnell vorbeiziehen. So geht es mir auch manchmal mit den Tagen in der Woche, mit den Tagen im Monat und mit den Tagen im Jahr. Doch heute ist das nicht schlimm, denn heute scheint die Sonne. Nicht nur draußen, sondern in mir. Ich höre eine Playlist namens „Frühlingsgefühle“, trinke meinen geliebten Rooibos-Tee mit Hafermilch und fühle mich frei. Frei, weil ich schreiben darf, frei, weil das Schreiben relativiert, frei, weil das Leben gar nicht so schlimm ist, wie es sich manchmal im Kopf und im Herzen anfühlt. Frei, weil ich weiß, dass meine Gedanken durch mich gesteuert werden können und alleine ich entscheide, wann ein Tag trüb ist und wann nicht. Ich glaube, es hilft, wenn man sich diese Tatsache öfter in Erinnerung ruft. Sei es mit hübschen Karten, Fotos und Lettern auf einem Moodboard, sei es mit guter Musik oder Momenten mit seinen liebsten Wesen – egal, ob Mensch oder Tier.

Wenn ihr mich also mal auf der Treppe vor unserem Fachwerkhäuschen sitzen seht, wie ich meinen Kaffee oder Tee trinke, unsere freilaufenden Hühner beobachte und dabei lächele, dann wisst ihr, dass ich grade an diesem Punkt bin, es KLICK gemacht hat und mich daran erinnert habe, wie schön das Leben doch eigentlich ist – auch mit einer 40-Stunden-Woche. Was aber nicht heißen soll, dass eine 30-Stunden-Woche nicht noch toller wäre 😉 Einfach mal zwischendurch KLICK machen.

2 Kommentare

    • Merlina Serwe sagt

      Hejhej. Solange sollte man aber nicht warten, wenn der Job einem nicht gefällt 🙂 Viele Grüße Merlina

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s