Gedankensprünge, LIFE
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Sind wir noch Freunde?

Ein Thema, welches mich im letzten Jahr viel beschäftigt hat, ist das Thema Freundschaft. Es ging sogar so weit, dass ich im Büro einen Zettel mit der Aufschrift „Was bedeutet für dich Freundschaft?“ ausgelegt habe und beinahe Jeden befragt habe, der glaubte eine Antwort darauf zu haben. Ich habe ein Telefoninterview mit meiner Tante geführt und mir dabei seitenlange Notizen gemacht, nur um den Kern der Sache zu erkennen. Auch Freunde habe ich an meinen Gedanken teilhaben lassen.

Die Antworten waren dabei so vielseitig wie Freundschaften selbst nur sein können. Die einen verbinden mit Freundschaft das Spiel zwischen Nähe und Distanz halten, andere erwarten von einer Freundschaft, dass sie Werte wie Respekt, Vertrauen und Ehrlichkeit widerspiegelt. Manche Menschen brauchen den täglichen Kontakt zu ihren Freunden und für manche reicht es völlig aus, wenn man sich alle paar Wochen mal sieht. Dann gibt es da noch diese besonderen Freundschaften. Freunde, die man Jahre nicht sieht, doch wenn ein Wiedersehen kommt, alles so scheint, als habe man sich gestern erst getrennt. Es gibt Menschen, die können ihre Freundschaften an einer Hand abzählen und manche brauchen nur den einen Freund. Ihnen scheint der intensive Kontakt wichtiger zu sein als den Menschen, die unzählbar viele Freunde haben. Wobei man hier sicherlich auch noch einen Strich zwischen engen und weniger engen Freundschaften sowie Bekannten ziehen kann.

Es gibt Menschen, die zwischen Familienmitgliedern und Freunden keinen Unterschied machen, die, die für ihre Freunde alles tun würden und wo ein gewisses Urvertrauen vorherrscht. Für mich sind das Freunde, mit denen man alles besprechen kann, vor denen man sich nicht im Entferntesten verstellen muss, wo man sich gibt wie man ist, mit denen man sich streiten und wieder versöhnen kann – kurzum Freunde, für die man einsteht, die man von ganzem Herzen liebt und vermisst, wenn sie einmal fort sind.

Schließlich sind wir, was die verschiedenen Freundschaften angeht, alle auf einen gemeinsamen Nenner gekommen: In den seltensten Fällen gibt es den EINEN Freund, der alle Erwartungen, alle Werte, erfüllt. Ein Freund ist kein Handy, welches einem immer das gibt, was man grade braucht. Je mehr Apps, desto mehr Service und Verlangen. Nein, ein Freund ist ein Individuum, mit eigenen Bedürfnissen und Erwartungen und die müssen nicht immer wie „Arsch auf Eimer“ zu einem selbst passen. Sicherlich schließen wir leichter Freundschaften mit Menschen, in denen wir uns in einem gewissen Grat selbst wiedererkennen. Gemeinsames verbindet eben. Doch, da ist immer noch das Eigene eines Jeden. Quasi das Salz in der Suppe, welches Freundschaften interessant macht und intensiv werden lässt. Nicht umsonst gibt es den Spruch „Gegensätze ziehen sich an“. Genau dieses Gegensätzliche lässt uns reflektieren, zwingt uns aus der gemütlichen Komfortzone herauszutreten und sich vom eigenen Ego zu distanzieren. Solche Freundschaften fordern und fördern einen. Eine, wie ich finde, sehr gesunde Art und Weise der Auseinandersetzung. Dennoch ist es der Königsweg, um eine Beziehung mit ihren Höhen und Tiefen führen zu können. Sicherlich ist es auch die „anstrengendere“ Variante.

Und so kommt es oftmals dazu, dass man Freundschaften für verschiedene Zwecke pflegt, ähnlich wie Apps: Mit dem einen Freund kann man gut Kaffee trinken gehen und sein Herz ausschütten, mit dem anderen lässt es sich gut feiern und nachts durch die Straßen ziehen, der wiederum andere entfacht in dir das Unentdeckte, das Feurige, bei ihm kann man visionieren und träumen. Dieses Freundschaftsmodell, ausgelegt nach gemeinsamen Neigungen und Interessen, ist ein relativ einfaches System, um von Freundschaften – und den eigenen Erwartungen daran – nicht enttäuscht zu werden. Auch ich bin schon auf den Geschmack gekommen, aber eigentlich nur, weil ich immer auf der Suche nach diesem einen Freund oder Freundin war, der oder die viele verschiedene Facetten, deckungsgleich zu meinen, abdeckt. Es ist nicht so, dass ich kategorisch danach gesucht hätte. Es ist vielmehr so, dass die Basis meiner sozialen Interaktion die illusionäre Vorstellung war, alle Facetten in einer Person finden zu können. Dass das von Vornherein nicht funktionieren konnte bzw. meine Erwartungen dadurch schnell enttäuscht wurden, war mir oberflächlich zwar klar, doch mein Unterbewusstsein kam da nie ganz mit.

Vielleicht habe ich mir letztes Jahr besonders viele Gedanken zum Thema Freundschaft gemacht, weil ich gemerkt habe, dass ein paar meiner Freundschaften nur noch einseitig, von mir ausgehend, am Leben gehalten wurden. Vielleicht habe ich insgeheim gehofft, dass manche Beziehungen noch eine Chance verdient haben, weil man sich teilweise auch sehr lange kannte oder mal sehr gut verstanden hat und eben seine Zeit miteinander hatte und vielleicht habe ich bis zum Schluss an dieser Zeit festhalten wollen. Wie bei einer Liebesbeziehung, können auch Freundschaften daran zerbrechen, dass man viel zu lange nebeneinanderher gelebt hat. Dass man viel zu lange, andere Prioritäten hatte, viel zu lange nicht miteinander gesprochen hat und dadurch die gemeinsame Zeit immer blasser wurde. Auch das muss man akzeptieren und irgendwann loslassen können.

Das Jahr der Reflexion hat mir gezeigt, dass die wirklich wichtigen Freundschaften, welche aus einer intrinsischen Motivation heraus entstanden sind, die Freundschaften sind, die langfristig Bestand haben. Es sind die herausfordernden Freundschaften, die aus gegenseitiger Zuneigung entstanden sind und denen eine Konfrontation des jeweiligen Egos nichts ausmachen. Alle anderen Freundschaften sind auch wunderbar, nur gleichen sie eher einer erfrischenden Sommerliebe.  

Was also ist für mich Freundschaft? Freundschaft bedeutet für mich, sich wohlzufühlen, authentisch und ehrlich zu sein, auch, wenn es unangenehm werden könnte, zusammen zu lachen und zu weinen, sich verstanden zu fühlen und sich zu verzeihen, wenn man Mist gebaut hat. Ganz gleich, welche Art von Freundschaft es ist: Sie sollte Spaß machen, das Beste in einer Person zum Vorschein bringen und niemals dauerhaft herunterziehen.

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